
Einleitung: Vom Nixdorf-Hauptsitz zum Lost Place
Am 2. Dezember 2026 kommt am Amtsgericht Paderborn eine Immobilie mit besonderer Geschichte unter den Hammer: das Bürozentrum Almepark in der Riemekestraße 160, einst Standort von Nixdorf, Siemens Nixdorf, Fujitsu, Atos und Sagem Orga. Verkehrswert laut Gutachten: 5.000.000 €. Zum Vergleich: Allein der Bodenwert des über 120.000 m² großen Areals wird mit rund 10,1 Millionen Euro veranschlagt – mehr als das Doppelte. Der Grund: Das Gebäude selbst gilt nach jahrelangem Leerstand, Vandalismus und Diebstahl mittlerweile eher als Belastung denn als Wert.
Eigentümerin und Schuldnerin im Verfahren ist die Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH – eine Tochtergesellschaft der insolventen Fakt AG aus Essen. Wie ein einst mit 200 Millionen Euro geplantes Vorzeigeprojekt in eine Zwangsversteigerung mündete, zeigt exemplarisch, wie riskant große Redevelopment-Wetten auf Bestandsimmobilien sein können.
Die Kernfrage: Wie wird aus dem ehemaligen IT-Hauptsitz mehrerer Weltkonzerne und einer 200-Millionen-Euro-Vision ein Lost Place, der am Ende fĂĽr gerade einmal 5 Millionen Euro versteigert wird?
đź“‹ Objektdetails: Alle Informationen zur Versteigerung des BĂĽrozentrums Almepark finden Sie in unserem Objektverzeichnis .
Ein Gelände mit IT-Geschichte
Bevor das Bürozentrum Almepark zum Sanierungsfall wurde, war es Jahrzehnte lang Standort von IT-Größen: Nixdorf Computer – gegründet vom Paderborner Unternehmer Heinz Nixdorf und zeitweise einer der größten Computerhersteller Europas – hatte hier eine seiner wichtigsten Liegenschaften. Nach der Übernahme durch Siemens folgten Siemens Nixdorf, später Fujitsu, Atos und Sagem Orga als Nutzer. Erst mit dem schrittweisen Rückzug dieser Unternehmen begann der Niedergang des Standorts.
Der verlorene Deal der Stadt Paderborn
2018 wollte die Stadt Paderborn selbst zugreifen: Der Stadtrat debattierte im Juni 2018 kontrovers über einen Kaufpreis von 4,7 Millionen Euro plus rund 3 Millionen Euro Abrisskosten – Grüne und FDP hielten den Preis für zu hoch, zumal die Stadt zu diesem Zeitpunkt offenbar die einzige verbliebene Bieterin war. Im September 2018 stimmte der Rat dem Kauf dennoch knapp zu, geplant war der Abriss und die Erweiterung des benachbarten Technologieparks. Am 15. Dezember 2018 platzte der Deal überraschend: Der Verkäufer lehnte das städtische Angebot als nicht ausreichend ab – ein anderer, zunächst nicht näher benannter Investor bekam den Zuschlag.
Fakts 200-Millionen-Euro-Vision
Im Oktober 2020 trat die Essener Fakt AG als neue Eigentümerin auf den Plan. Vorstandsvorsitzender Prof. Hubert Schulte-Kemper kündigte an, den Bestandsbau von rund 50.000 m² zu erhalten und auf dem insgesamt 120.000 m² großen Areal ein neues Technologiequartier zu entwickeln – mit einem geplanten Investitionsvolumen von etwa 200 Millionen Euro, Schwerpunkt Energieeffizienz, Digitalisierung und Klimatechnik.
Der Fall der Fakt AG
Aus der Vision wurde nichts. Bereits seit dem 11. November 2022 stand die Fakt AG selbst unter vorläufiger Insolvenzverwaltung (Rechtsanwalt Dr. Gregor Bräuer, Kanzlei HWW). Am 14. Dezember 2022 folgten Insolvenzanträge für sechs Tochtergesellschaften der Gruppe – darunter neben der Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH auch die Fakt Liegenschaften Bochum GmbH, die Fakt Tower GmbH & Co. KG, die Fakt Liegenschaften Essen GmbH, die Fakt Shamrockpark GmbH und die Fakt Immobilien AG. Die Fakt AG selbst wurde in der Folge endgültig abgewickelt. Die Immobilie ging in die Vermarktung durch den Insolvenzverwalter über die Falkensteg Real Estate aus Düsseldorf – die Stadt Paderborn zeigte erneut Interesse, diesmal blieb es jedoch bei der Absichtserklärung.
Der Kern des Problems: Zwischen der Ankündigung eines 200-Millionen-Euro-Investments und der tatsächlichen Umsetzung lag am Ende nur gut ein Jahr – zu wenig, um das Redevelopment gegen ein "schwieriges Marktumfeld" abzusichern, bevor die Finanzierung der gesamten Unternehmensgruppe kollabierte.
Lost Place mit Betretungsverbot
Seit der Insolvenz steht das Gelände weitgehend leer und verwahrlost. Für das gesamte Areal rund um das ehemalige Nixdorf-Gebäude gilt inzwischen ein Betretungsverbot, in einschlägigen Lost-Place-Kreisen hat sich der Standort einen zweifelhaften Ruf erarbeitet. Vandalismus und Diebstahl haben die Bausubstanz zusätzlich beschädigt – ein Umstand, der sich direkt im Verhältnis von Bodenwert (10,1 Mio. €) zu Verkehrswert (5 Mio. €) niederschlägt: Das Gebäude drückt den Wert des Grundstücks, statt ihn zu steigern.
Fazit: Eine Mahnung fĂĽr Redevelopment-Projekte
Vom Hauptsitz eines deutschen IT-Pioniers über eine gescheiterte Kommunal-Akquise bis zur geplatzten 200-Millionen-Euro-Vision eines insolventen Investors: Die Geschichte des Bürozentrums Almepark zeigt, wie schnell aus einer scheinbar sicheren Bestandsimmobilie ein Sanierungsfall werden kann, wenn die Finanzierung eines ambitionierten Umbauprojekts wegbricht. Für Bieter am 2. Dezember 2026 liegt die Chance genau darin – ein 120.000-m²-Areal zu einem Bruchteil der einst geplanten Investitionssumme, allerdings mit erheblichem Sanierungs- und Abrissbedarf.
Der Fall Almepark Paderborn in KĂĽrze
IT-Geschichte
Ehemaliger Standort von Nixdorf, Siemens Nixdorf, Fujitsu, Atos und Sagem Orga.
Geplatzte 200-Mio.-Vision
Fakt AG (Essen) kaufte 2020 mit einem 200-Mio.-€-Redevelopment-Plan – 2022 folgte die Insolvenz.
Bodenwert schlägt Verkehrswert
10,1 Mio. € Bodenwert stehen nur 5 Mio. € Verkehrswert gegenüber – das Gebäude mindert statt steigert den Wert.
EigentĂĽmerin: Fakt Liegenschaften Paderborn GmbH
Tochtergesellschaft der insolventen Fakt AG, eine von sechs Konzerngesellschaften im Insolvenzverfahren seit Dezember 2022.
